Buntspecht
Eine Spechthöhle ist von außen unscheinbar. Erst wenn die Altvögel mit Futter zurückkehren, wird sichtbar, was sich dort abspielt. Sie landen am Stamm, verschwinden kurz in der Höhle und fliegen wieder ab. Dazwischen liegen oft nur wenige Augenblicke.
Bei der Aufzucht des Buntspechts lässt sich viel beobachten, ohne dass man dafür tief in das Geschehen eingreifen muss. Gerade diese alltäglichen Abläufe machen solche Aufnahmen für mich interessant.
Ein Kommen und Gehen
Die Altvögel kommen mit Futter zurück, verschwinden in der Höhle und machen sich wieder auf den Weg. Dazwischen liegen Pausen, kurze Aufenthalte am Stamm und immer wieder neue Anflüge.
Einzelne Momente wirken unspektakulär. Zusammengenommen erzählen sie aber von einer Aufgabe, die sich ständig wiederholt: Der Nachwuchs muss versorgt werden.
Für die Fotografie sind gerade die Übergänge spannend. Der Vogel landet, richtet sich aus, verschwindet in der Höhle oder fliegt wieder ab. Oft ist der entscheidende Augenblick nur kurz zu sehen.
Ein anstrengendes Geschäft
Die Aufzucht des Nachwuchses verlangt den Altvögeln einiges ab. Auf einem meiner Bilder wirkt das Männchen ziemlich mitgenommen: Die Federn am Kopf stehen in alle Richtungen ab, als hätte es gerade einen besonders anstrengenden Einsatz hinter sich.
Natürlich lässt sich aus einem einzelnen Bild nicht ablesen, wie es dem Vogel tatsächlich geht. Aber es zeigt eine andere Seite dieser Zeit, die neben den vielen Fütterungsflügen leicht in den Hintergrund rückt.
Was auf den Bildern nicht zu sehen ist
Ein einzelnes Foto hält einen Augenblick fest. Ein Filmclip zeigt zusätzlich, was unmittelbar davor und danach passiert.
Gerade bei der Aufzucht macht das einen Unterschied. Erst in der Abfolge werden die wiederkehrenden Abläufe sichtbar: das Ankommen, die Fütterung und der nächste Abflug.
Ich finde es reizvoll, Fotografie und Film bei solchen Beobachtungen miteinander zu verbinden. Beide zeigen dasselbe Geschehen, aber auf unterschiedliche Weise. Das Foto konzentriert sich auf einen Moment. Der Film lässt den Ablauf für sich sprechen.
Nach dem Ausfliegen
Ein besonderer Moment spielte sich nicht mehr an der Bruthöhle ab. Ein Jungvogel war bereits ausgeflogen und landete direkt vor meinem Tarnzelt an der Futterstelle. Kurz darauf wurde er dort vom Weibchen gefüttert.
Für mich war das eine schöne Ergänzung zu den Aufnahmen an der Höhle. Die Versorgung des Nachwuchses endet nicht mit dem ersten Ausflug. Und manchmal spielt sich eine solche Szene an einem Ort ab, an dem man sie gar nicht erwartet hätte.
Abstand halten
Bei Aufnahmen an einer Bruthöhle steht für mich nicht nur das Bild im Vordergrund. Der Platz muss so gewählt sein, dass die Vögel möglichst nicht gestört werden. Wenn sich das Verhalten verändert oder die Tiere auf die Anwesenheit der Kamera reagieren, ist Zurückhaltung wichtiger als eine zusätzliche Aufnahme.
Naturfotografie bedeutet für mich auch, eine Grenze zu akzeptieren. Nicht jeder Moment muss abgelichtet werden.
Jakob Günther